Mittwoch, 1. juli 2009 3 01 /07 /2009 10:19

 

Lieber Leser,

an Stelle eines Nachrufs gebe ich hier den Aufsatz wieder, den ich zu Michael Jacksons fünfzigstem Geburtstag im letzten August veröffentlicht habe.


Leider hat er sich, ohne dass ich es ahnen konnte, als eine verfrühte Grabesrede erwiesen. Müsste ich sie heute halten - ich hätte kein Wort hinzu zu fügen.

He was there.

 

 

michael_jackson_sculpture


Will he come back?


Seit Jahr und Tag konnte von Michael Jackson nicht ohne Häme gesprochen werden. Jetzt wird er fünfzig, und auf einmal ist der Spott verflogen – als habe er sich zu einem Klassiker jenseits von Gut und Böse verflüchtigt. Schon, als Anfang des Jahres die Jubiläums-Auflage von Thriller zu einem unerwarteten Kassenschlager wurde, war fast so was wie Wehmut im Spiel. Feiert er Abschied – oder bereitet er doch sein nächstes Comeback vor? Und fast klang es, als flehten sie: Er soll wiederkommen!


Warum? Ja, das war eine Zeit, als die Welt noch ihre Stars hatte! Jetzt hat sie nur noch Eintagsfliegen vom Laufband, technisch perfekt und gestylt, dass man einen nicht vom andern unterscheiden kann. Wenn man die Kinder-Stars von „Tokio Hotel“ mal ausnimmt… Aber die erscheinen wie eine Ausnahme von der Regel, ein Stück Natur in einer Welt medialer Erkünstelung.


Ein Ende des Starsystems?


Der Star selbst ist keine Erfindung der modernen Medien. Es gibt ihn, seit es die Kunst mit dem großen K gibt. Seit sie sich als besonderes Gewerk der Erzeugung schöner Dinge aus dem Kultus des Ewigen einerseits und der Verzierung der Alltagsgeschäfte andrerseits herauslöste, war der Künstler, als Renaissancemensch par excellence, ein Held seiner Zeit. Er schafft ein Reich des rein Ästhetischen jenseits, diesseits von Nutz und Zweck. Er ist ein Star der Schönen und Reichen. Zur bürgerlichen Welt, deren Künder er war, gerät er endlich in Gegensatz. Er wird ihr Antiheld. Seit der Romantik ist es amtlich, und aus Kunst wird Avantgarde – für den auserlesenen Kreis der Kenner. Was wahre Kunst ist, wird nun ewig strittig sein. Doch aktuell kennzeichnet sie sich als das, was von Künstlern erzeugt wird, das allein ist unstrittig. Die Eigenart des Künstlers ist es, die sich der Kunst als ihre ästhetische Qualität mitteilt: der Personalstil. Dieser definiert jene, nicht umgekehrt. Die Aura der Kunst wird zur Aura des Stars. Er ist der Nah-Ferne schlechthin.


Kann aber Künstler sein, wer nicht zur Avantgarde zählt? Wer Erfolg hat? Dieser Zweifel gilt nicht erst den Industriellen des Unterhaltungsgewerbes, er galt schon den großen Virtuosen des 19. Jahrhunderts. Zum Star der Massen wird der Antiheld überall da, wo Kunst als Industrie auftritt. Im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit wird der Massencharakter der Kunst punktiert von ihrem Ereignischarakter: die Gegenwart des Stars, der Auftritt, aus dem Werk wird die Performance. Und der Star ästhetisiert die Technik und prägt die Industrie zur Kunst um: Durch das Kino konnte Charles Spencer Chaplin zum ersten Weltstar werden. Und durch die Figur des Charlie ist Kino Kunst geworden.

 


Das Wunderkind als Wiedergänger

Schwermut, die unwiderstehlich in den Abgrund

der Kindheit hinunterzog…

Th. W. Adorno


Wie konnte einer überhaupt zum Größten Star Aller Zeiten werden? Adornos Wort von der Schwermut, die’s zur Kindheit zurückzieht, lüftete vorab das Geheimnis der weltweit gewaltigsten Künstlerkarriere. Er meinte damit das, was der Freudianer eine Regression nennt – nämlich sofern sie unbewusst geschieht. Wie aber, wenn einer die Rückkehr zur Kindheit in Bewusstheit will? Zu einer Kindheit gar, die niemals stattgefunden hat!

Ohne Melancholie wäre er nicht geworden, was er ist. Wäre er aber zum Melancholiker geworden, stünde er nicht seit dem sechsten Lebensjahr auf einer Bühne, die ihm tatsächlich die Welt bedeutet? Er sagt es selbst: Geprellt um seine Kindheit von einem besessenen und grausamen Vater, hetzt er rastlos einer Vergangenheit hinterher, die es gar nicht gab: Have you seen my childhood?


Mit elf Jahren hat er als Lead-Sänger der Jackson 5 seinen ersten Number-One-Hit, und drei Jahre lang nehmen die Triumph-Tourneen und Platin-Alben kein Ende, selbst die Beatles werden überrundet. Aber Jugend vergeht. Mit fünfzehn gibt er schon wie ein Oldie seine Show in Las Vegas, in der Nachbarschaft des wieder- gekommenen Elvis Presley. Und das soll alles gewesen sein? 1978 veröffentlicht das gealterte Wun- derkind sein erstes eignes Album, Off The Wall. Es wird ein Überraschungshit. Es setzt einen furiosen Schlusspunkt hinter die blütenweiße Disco-Ära und eröffnet die Wende zu einem schwärzelnden Pop-Soul. 1983 wird Thriller zum größten Verkaufserfolg der Tonträgerindustrie. Bis heute wurde es rund sechzig Millionen Mal verkauft. An der musikalischen Qualität lag es nicht nur. Auf dieser Scheibe kam alles zusammen, was der musikalische Zeitgeschmack zu bieten hatte. Weißer Pomp-Rock, schwarzer Funk-Soul und bunt schillernder Elektro-Pop. Und, als Jacksons eigenster Beitrag, das alles fused in den beiden Höhepunkten Beat It und Billie Jean.


ackson-Funk, sein Personalstil, ist die Vereinigung schärfster Polyrhythmik mit einer unüberhörbaren Basslinie und mit durchgängiger Melodik – etwas, das “eigentlich gar nicht geht”: eine Musik, die ganz schwarz ist und zugleich ganz weiß und trotzdem nix für Freunde des goldnen Mittelwegs. Sie prägt das folgende Album ganz: Bad konnte schon darum nicht so viel verkaufen wie Thriller, weil es ein klares Profil hat. Das kann nicht jedermanns Geschmack sein. Es wurde nur zum zweitmeist verkauften Album aller Zeiten. Bis es von Dangerous stilistisch überboten und an den Kassen überholt wurde: Die Verkaufszahlen nähern sich seit 1991 den dreißig Millionen. Es war Jacksons musikalischer Gipfel.


Mit Thriller
hat sich Michael Jackson zur Figur erfunden, auch physiognomisch: zum “Jacko”. Seither ist es die Figur, die die Musik trägt. Auf Dangerous ist kein Stück mehr, das glaubhaft auch von einem andern dargeboten werden könnte. “Er selbst ist das Werk, und das Werk ist er”, hatte Schiller vorausgesagt.

 


Dann kam The Jackson Chase, zum xten Mal ward er totgesagt und ist in einer gewaltigen Materialschlacht doch wiedergekommen. Nur verschwammen an der Jacko-Figur die Konturen. HIStory war überfrachtet, die Tournee war eigentlich besser als das Album. Das folgende Album Invincible (2001) war ein Misserfolg; ein relativer: Jeder andre wäre über solchen Misserfolg froh. Offenbar sollte es das Erfolgsrezept von Off The Wall kopieren: an den gerade noch herrschenden Techno-Geschmack anknüpfen, um ihn zu R&B einzuschwärzen. Kam Invincible zu früh? Eher war wohl diese Musik einerseits zu beliebig, andrerseits zu gemacht, um durchzuschlagen. Am Reißbrett entsteht keine Kunst, sondern Konfektionsware, und die erlaubt nur einen Standarderfolg. Nach dem Durchschnittsgeschmack schielen durfte das gealterte Wunderkind auf der Suche nach seiner zweiten Chance; aber nicht der Größte Star Aller Zeiten.


Black & white


Weil es ohne moderne Medien einen größten Star aller Zeiten gar nicht gäbe, meint die Einfalt, nur die Medien hätten ihn dazu gemacht. Wer er ist, welche Musik er macht, sei ganz zufällig, genauso gut hätte es ein andrer werdenkönnen. Schon bei der Musik stimmt es nicht. Nur eine Platte mit “schwarzer” Musik konnte zum je meist, zweitmeist und drittmeist verkauften Album der Musikgeschichte werden. Und dass sie von einem Sänger vorgetragen wurde, der selber schwarz ist und auch wieder nicht, hat ihr’ Teil dazu beigetragen.


n der europäischen Musik ist über die Jahrhunderte “das Ausdruckslose der Konstruktion”, wie Adorno es nennt, vorherrschend geworden, und das lag wohl am bürgerlichen Charakter der Öffentlichkeit, wo nur das bestand, was sich vermitteln ließ. Die modernen Medien fingieren nun eine neue Unmittelbarkeit, wo Ausdruck nicht nur erlaubt, sondern unverzichtbar ist – weil der Künstler sonst keinen Eindruck macht. Nicht Perfektion wird vom Star erwartet, sondern eine Gänsehaut. Keine Kunstform der konstruktiven europäischen Tradition kann das bieten. Die Expressionisten blickten nach Afrika, die Unterhaltungsindustrie importierte “Negermusik”. Nicht von schwarzafrikanischer Musik ist die Rede, sondern von schwarzamerikanischer. Als die Negersklaven den Boden der Neuen Welt betraten, war ihnen buchstäblich nichts geblieben, das sie hätten mitbringen können. Alle Zusammenhänge waren ihnen zerrissen, nicht einmal die Blutsbande blieben gewahrt (ein anhaltendes Problem im schwarzen Amerika). Alles musste neu erfunden werden, wenn nicht aus dem Nichts, dann aus tiefster Not. Darum nimmt ja die Musik im schwarzamerikanischen Alltag so viel Platz ein. Nachdem die afrikanischen Sprachen verloren waren und der Zugang zur englischen versperrt, blieben als Ausdrucksmittel einzig Gesang und Tanz übrig. Und zwar der Rhythmus, der sich immer neu erfindet, eher als die Melodie, die aus alter Überlieferung schöpfen muss.


Behaupten mussten sie sich gegen die Musik des weißen massa
. Das Spezifikum der schwarzamerikanischen Musik, das den Rhythm and Blues als “universelles musikalisches Esperanto”, wie Quincy Jones sagt, um den Erdball trug, bliebe ohne diese demütig-aufrührerische Frontstellung ganz rätselhaft: Das polyrhythmische Schweben in seiner gespanntesten Form, dem swing (den es in Afrika nicht gibt), dient zur Selbstvergewisserung der Ärmsten der Armen, die sonst nichts haben. Wer immer sich auf der Welt geringgeschätzt glaubt und sucht, woran er sich auflehnen kann, findet da, was er braucht. Es gibt keine Jugendkultur ohne Musik; doch ohne das musikalische Esperanto des Rhythm and Blues gäbe es nur lokal beschränkte, ephemäre und provinzielle Jugendkulturen. Zum Weltkulturerbe hätte sie’s nie gebracht. Einen größten Star aller Zeiten gäbe es nicht.

 


Das Wort Jugendkultur hat Gustav Wyneken für den Wandervogel geprägt. Der war, als Inbegriff des “deutschen Sonderwegs”, ein Partikularismus par excellence. Der Rockrevolution der fünfziger Jahre hat er nicht standgehalten. Sex and Rock ‘n Roll – das heißt seither Jugendkultur. Und Rock ‘n Roll war nichts anderes als die weiße Verpackung für den schwarzen Rhythm and Blues. Die “schwarze Stimme mit dem weißen Gesicht” hieß Elvis Aaron Presley. Doch der Rock ‘n Roll ist rasch erbleicht; Bill Haley und, o Gott, Peter Kraus!


Man kann die Geschichte der Popmusik als eine Kurve zeichnen, wo auf jeden schwarzen Wellenberg eine lange blasse Ebbe folgt; bis zur nächsten Woge. (Die Ebbe ahnt, wo sie herkommt. Barry Gibb von den Bee Gees, die mit Saturday Night Fever den größten Erfolg der Disco-Ära eingespielt haben, sagt: “Die Leute nannten es Disco, aber wir dachten, wir machen Rhythm and Blues.”) Ein schwarzer Kaventsmann war die Musik des (ersten schwarzen) Schallplattenkonzerns Motown. Smokey Robinson, Marvin Gaye, Gladys Knight, Stevie Wonder und Diana Ross waren seine bis heute bekannten Stars. Und seine letzten wurden am bekanntesten: The Jackson Five. Von der Disco-Ebbe verschluckt, kam deren Lead-Sänger dann zurück wie ein Tsunami. Seine Karriere blieb nicht auf den nordatlantisch-protestantischen Kulturkreis beschränkt wie die von Elvis, nicht auf die westliche Hemisphäre wie Beatlemania. Michaelmania überzog erstmals buchstäblich die ganze Erde. Sozialforscher wollen herausgefunden haben, dass neunzig Prozent der Erdbewohner wussten, wer Michael Jackson war. Ein lilienweißer Schwarzer, der bekannteste Sterbliche unter der Sonne…


Das lebende Gesamtkunstwerk


Von unsern Künstlern sind wir gewohnt, dass Perfektion und Ausdruck Gegensätze sind und eins immer auf Kosten des andern geht; Fischer-Dieskau kann ein Lied davon singen. Für Michael Jackson gilt das nicht. “Übung, schätz ich”, hat er gesagt, als ein Junge ihn fragte, woher er so irre tanzen kann. Seit er fünf Jahre alt ist, findet sein wirkliches Leben auf der Bühne statt, da war Zeit, sich einiges anzueignen. Doch dass sich bei ihm der Ausdruck mit der Perfektion steigert und die Perfektion nur im Ausdruck gelingt, mag man Ingenium nennen. Noch nie ist eine Künstlerbiographie so vollständig mit einer Karrierechronik in eins gefallen. “Vom wirklichen Genuss des Lebens kenne ich gar nichts. Für mich ist der Genuss des Lebens und der Liebe nur ein Gegenstand der Einbildungskraft, nicht der Erfahrung. So musste mir das Herz in das Hirn treten und mein Leben nur noch ein künstliches werden. Nur noch als Künstler kann ich leben, in ihm ist mein ganzer Mensch aufgegangen.” Das hat Richard Wagner gesagt, als erster Großindustrieller der Unterhaltungskunst ein Ahnherr von Michael Jackson, aber es war Koketterie. Michael Jackson käme solches nie über die Lippen, aber auf ihn trifft es zu.


Es waren nicht die Medien, die den Star erfunden haben. Andersrum: In der Medienwelt kann der Künstler nur als Star bestehen.


Imagebuilding wird zur eignen Kunstgattung. Sich zur Figur zu stilisieren ist der artistische Elementarakt. Die Figur ist der Personalstil, sie ist es, die die Performance authentifiziert. Für den Normalstar gilt das annäherungsweise, Madonna zum Beispiel muss sich jede Saison neu stilisieren, um glaubhaft zu werden. Nur für Michael Jackson gilt es absolut. Er ist das lebende Gesamtkunstwerk. Er ist nichts anderes als “Jacko”, er ist in seiner Figur aufgegangen ohne jeden privaten Rest. Seine Verwicklungen mit der kalifornischen Justiz waren der Punkt auf dem i.


Das Eigentümliche am Genie ist nach Jean Paul sein Vermögen, der Welt eine neue Ansicht von ihr selbst zu zeigen. Die ästhetisch-eigne Sicht der Welt hat diesen Vorzug vor den philosophisch- oder naturwissenschaftlich-eigenen: daß man sie nicht teilen muß, um sie zu schätzen. Im Gegenteil – dass sie befremdet, macht eine originäre ästhetische Qualität erst aus. Genie allein qualifiziert eher zum Verkanntsein als zum Welterfolg. Damit einer zum größten Star aller Zeiten werden konnte, musste seine ‚neue Ansicht der Welt’ die Menschen aller Kontinente so sehr befremden, dass ihnen millionen-, milliardenfach die Spucke wegblieb. Das ist durch das Wie ihrer Darreichung nicht zu erklären. Es wird am Was liegen.


Der Kinderkönig


Mit ihm hat das Wort Kinder-Star einen neuen Sinn bekommen. Er ist der erste Popkünstler, der sich nicht die Halbstarken, sondern ausdrücklich die Kinder zum Publikum erwählt hat, und die haben ihn zum größten Star aller Zeiten kreiert. Diese ‚Jugendkultur’ ist Kiddie Kulture. Er hat sie nicht erfunden, aber er hat ihr eine Aura gegeben, die sie sonst nicht hätte. Es war eine lebensgeschichtliche Affinität, wie eine offene Wunde. Doch zum Künstler wird keiner, ders nicht nötig hat. “Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören in ewig gleicher Unschuld hat” nach Nietzsche “in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes.” In der bürgerlichen Welt ist der Phänotyp des Künstlers zum Statthalter der im Arbeitsalltag lästig gewordenen Kindlichkeit erwachsen. Sie macht die ästhetische Qualiät der Werke nicht aus, aber sie bereitet den Boden, aus dem sie wächst.


Welches Vorbild der Jacko-Figur zugrundeliegt, sagt er jedem, der es hören will. Es ist Peter Pan, der lost boy
im Nimmerland, der es ablehnt, erwachsen zu werden. Der hatte allerdings selber ein Vorbild. Das war sein Erfinder, James Matthew Barrie, der sich so sehr sträubte, erwachsen zu sein, dass er sein Leben lang Größe und Gestalt eines Zwölfjährigen behielt; der sich mit Kindern umgab, die er zu seinem Lebensinhalt machte und damit sein Geld verdiente. Ein Kinderkönig, das Leben ein Spiel. Natürlich wurden ihm dieselben unanständigen Laster angehängt, wie seinem heutigen Nachfahr.

 


Zum Jacko zurechtgeschnitten, erscheint The Real Peter Pan als bleicher Knabe, grazil und zapplig und mit einer außerirdischen Stupsnase, mal eher schön, mal eher komisch. Ein flüchtiger Journalistenblick wollte Zeichen von Androgynie erkennen. Es ist aber nicht eine Rundung zu sehen. Es ist die filiforme Figur eines zu rasch aufgeschossenen Dreizehnjährigen, und die schlacksige Grazie seiner Schritte und Posen ist so mädchenhaft wie ein Fußballstutzen. Eben Peter Pan und nicht Alice im Wunderland. Doch die Wirklichkeit ist schräger als die Fiktion. Während James Barrie’s Theaterfigur bleiben durfte, was sie immer war, kehrte ihr realexistierender Sproß dahin zurück, wo er nie gewesen ist, in seine Kindheit, Neverland.


Ein päderastischer Affekt

Dass er so zum König der Kinder ward, ist an dieser wahnwitzigen Karriere das am wenigsten Rätselhafte. Dass er Caravaggio, Der siegende Amordamit auf breiter Front zugleich die Generation ihrer Mütter und Väter schwach machte, überrascht allerdings. Verstohlen um sich schielend, feixen sie in den Bildschirm und können den Blick nicht von ihm wenden: Denkwürdig bleibt sein alle Rekorde brechender Auftritt bei Wetten dass?

Das Faszinierende und Anstößige an dieser Figur ist ihre surreale Duplizität. Er ist immer nicht nur dies, sondern zugleich auch das andere. Er ist der Jacko, Größter Star Aller Zeiten, aber er bleibt der kleine Michael mit den traurigen Augen und der klagenden Stimme. Er ist schwarz und er ist weiß, er ist klein und überlang, ist unernst ernst, pathetisch komisch, kitschig grotesk, er “vereinigt Unschuld und ausgekochten Professionalismus, unverstellte Gefühlstiefe und ausgefuchste Kalkulation”, schrieb Rowohlts Rock-Lexikon, er ist das wandelnde Paradox – ein “Bambi der Rockmusik”. Er ist der Kinderkönig, aber den andern ist er Unser Kleiner Prinz. Das Verführerische an dieser Figur wird weniger mysteriös, wenn man ihm einen Namen gibt: Es ist selber ein päderastischer Affekt, und sein doppelter “Fall”, der dann doch keiner wurde, war unsere verschämte Projektion.


Dass aber puer aeternus, die mythische Gestalt des wilden Knaben, mehr Menschen hypnotisieren konnte als weiland Elvis und die Beatles zusammen, ist das eigentliche Mysterium. Erotik spielt sicher mit rein, aber Sex nur in Sonderfällen. Die Verführung ist ästhetisch-”sinnhaft”, und ihr Hintergrund weniger tiefenpsychologisch als kulturhistorisch. Es hat damit zu tun, dass die Erwachsenheit veraltet und das Kindliche eine eigne Mächtigkeit gewinnt.


Homo ludens victor


Tiefenpsychologie findet ihren Platz freilich auf der Gegenseite. Die in Michael Jackson Gestalt gewordene weltweite Faszination vom “Kindesmissbrauch” trägt die Züge dessen, was Professor Freud eine Widerstandsreaktion genannt hat; “haltet den Dieb”, sagt der Volks- mund. Denn sein Aufstieg fiel zusammen mit dem Beginn einer zivilisatorischen Krise, der tiefsten seit der Neolithischen Revolution, und heizt sie an: Es ist das Ende der Arbeitsgesellschaft. Das Ende jener Zivilisation von Notdurft, Arbeit, Nutz und Zweck, die vor runden zehntausend Jahren im Tal des Jordan anfing, als die Menschen sesshaft wurden und den Ackerbau begannen. Ein relativer Überschuss, der sich akkumulieren und berechnen ließ, wurde zur Prämisse des Daseins. Es begann die Bevölkerungsexplosion, der Kampf um die Verteilung, die Klassenspaltung und das Elend der großen Masse. Bedürfnis und Arbeit, besoin und besogne wurden zur Condition humaine. Die Arbeit wurde zum Wirkgrund der Werte. Sie wurde zum Rechtsgrund der Welt. Der Erwachsene wurde eigentlicher als das Kind, und Heiterkeit blieb nur der Kunst.


Doch damit geht es jetzt zu Ende, denn die wirkliche Arbeit machen die Maschinen. Arbeit bleibt nicht Sinn des Lebens, wenn Mangel nicht mehr sein beherrschendes Thema ist, und unsere (Ent-) Sorge gilt immer mehr dem Überfluss… “Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein”, ist sie auch nicht länger der Wert, der an und durch sich selber gilt. Was wird dann aus dem Unterschied von Kindheit und Erwachsenheit? Von Ernst und Unernst? Von Mitteln und Zwecken? Wieso ist Arbeit würdiger als Spiel und Erwachsenheit etwas, wonach es zu streben lohnt? Und allenthalben erwacht das Kind im Manne! Die Welt kann sich jetzt nur noch ästhetisch recht- fertigen. Aber das sollte sie.


Michael Jackson sorgt für Aufregung, weil er das hyperkinetische Ausrufzeichen ist hinter dem Selbstzweifel unserer jahrzehntausendalten michael_jackson_dangerousZivilisation von Aufwand und Nutzen. Zwar bedurfte es für diesmal noch seines exorbitanten Ingeniums, aber unmöglich war es nicht; Peter Pan war ins richtige Leben getreten. Es gab die Theorie, nicht die Arbeit, sondern das Spiel sei die Wurzel der Kultur. Das war überzogen. Aber es ist sicherlich ihr Zweck. Und Michael Jackson ist ein lebendes Denkmal für homo ludens victor. Er hat der Welt eine neue Ansicht ihrer selbst gezeigt. Daher der Hass, daher die Versuchung. Er ist ein großes geschichtliches Ereignis.


Er war da


Das schneeweiße Techno-Plätschern, das ohne Stars auskam, verläuft sich. 1000 Zuckungen pM ersetzen auf Dauer nicht den Rhythmus und das Dähnßen nicht den Tanz. Die Love Parade hat fertig. Der Star ist wieder gefragt, dessen Aura die Performance zur Kunst ästhetisiert. Nur einer kann hoffen, allein durch seinen Auftritt im World Wide Web, ohne Album, ohne CD und ohne Corporation genug abzusetzen, um die steigenden Produktionskosten einzuspielen; sobald nämlich das Problem der Raubkopien befriedigend gelöst ist: der größte Star aller Zeiten. An Inspiration wirds ihm nicht fehlen. Nur ist auch er nicht davor gefeit, sich künstlerisch zu verkalkulieren. Nämlich dann nicht, wenn er kalkuliert. Das ist tödlich für die Kunst. Er wird als Künstler wiederkommen, oder er wird nicht wiederkommen.


Doch ob oder ob nicht, ist fast schon nebensächlich. Das geschichtliche Ereignis hat stattgefunden. Er hat Peter Pan-Jacko ins richtige Leben überführt. Wohl hat er dort Schaden genommen, und dass sein Scheitern noch immer nicht ausgeschlossen ist, verbürgt seine Echtheit. Es ist nicht das Zwielichtige selbst, das ihn beschädigt hat – damit hatte er stets geliebäugelt. Es ist die Banalisierung. Die Philister haben ihn zu fassen gekriegt und in ihren Kreis gezogen. Was sonst noch eine vage Spur von Schwermut war, hat sich zu einem Zug von Tragik verschärft. Eigentlich ist er erst jetzt der romantische Künstler in ganzer Gestalt. Dies in die renovierte Jacko-Figur einzuprägen, ohne der Versuchung zum Kitsch zu sehr nachzugeben; ohne nämlich ihre beißende Ironie zu verraten – das wird ein echtes Kunst-Stück. Ob es gelingt, wird man sehen. So oder so, he was there, das ist, was zählt.



Literatur:

Jochen Ebmeier

Michael Jackson. Das Phänomen

Mainz 1999 (Schott)

von Jochen Ebmeier - Community: Denk-Studio
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Sonntag, 28. juni 2009 7 28 /06 /2009 21:25

Smooth criminal


Wir sehen die Natur so an, als ob sie ein Kunstwerk wäre.


Und danach erst beurteilen wir die Kunst danach, wie weit sie der Natur entspricht.


Er war ein Kunstwerk, das sich die Natur einverleibt hat.
von Jochen Ebmeier - veröffentlicht in: Aesthetica - Community: Denk-Studio
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Freitag, 26. juni 2009 5 26 /06 /2009 01:46

who is ist?

Just another part of me.

von Jochen Ebmeier - Community: Denk-Studio
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Donnerstag, 25. juni 2009 4 25 /06 /2009 10:25
messer-hand

aus einem Internet-Forum:

 

Wie es mit dem “freie Willen” beschaffen ist – darüber gingen die Meinungen schon immer auseinander, nicht erst in der Philosophie, sondern schon in der Theologie – und dort kommt die Idee (das ist es viel eher als ein ‘Begriff’) her. Wenn die Menschen nicht selber verantwortlich wären für ihr Tun und Lassen, dann gäbe es keine Sünde, keine Reue, keine Erlösung. Dann hätte der liebe Gott nichts zu tun.
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Mit der Reformation kam – insbesondere bei Jean Calvin – die Anschauung auf, alles sei von Gott längst vorherbestimmt. Man könne sich durch gottesfürchtiges Handeln Gottes Gnade nicht “verdienen” wie einen geschuldeten Lohn, man müsse sich in seinen unerforschlichen Ratschluss ergeben. Ich könne allenfalls an mir arbeiten, um seiner Gnade wert zu sein – falls seine Wahl denn einst auf mich fallen sollte…
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Die äußerste entgegengesetzte Position nahmen die Jesuiten ein. Darum haben sie auch ein pedantisch ausgefeilte Moralsystem ausgearbeitet, das für jeden denkbaren “Fall” die richtige Lösung vorausberechnen sollte.
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Alle geistigen Bewegungen jener Zeit spielten sich vorm Hintergrund dieses Gegensatzes ab.
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Die Philosophie hat sich aus der Theologie eigentlich erst mit Descartes gelöst (wie die Wissenschaften mit Galileo). Nicht, dass in seinem System Gott nicht vorkäme: Der ist auch bei ihm die Voraussetzung. Aber unsere Erkenntnismöglichkeiten will er auf unser eigenes Denken zurückführen, nicht auf den geoffenbarten Glauben. Dass wir denken können, sei überhaupt der einzige Beweis dafür, dass wir wirklich sind.
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Spinoza hat (an Descartes in gewisser Weise anknüpfend) ein rationalistisches Weltsystem entworfen, in dem Gott und die Natur ein und dasselbe sind und in dem alles streng gesetzmäßig zugeht. Er ist von allen Leugnern des freien Willens der entschiedenste gewesen. Und sofern die Einlassungen der Naturwissenschaftler Singer und Roth überhaupt mit Philosophie zu tun haben, sagen sie buchstäblich nicht ein Wort mehr als Spinoza. Neu ist bei ihnen insofern gar nichts. Außer der Behauptung, dass es sich um einen Gegenstand der Naturwissenschaft handele.
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Man kann die Frage nach dem freien Willen auf dreierlei Art behandeln. Die Psychologie (sofern sie eine empirische Wissenschaft ist) kann untersuchen, wie im einzelnen Individuum Entscheidungsvorgänge verlaufen, und das hat Libet versucht. Sie wird aber (empirisch) niemals ‘Ursachen’ und ‘Motive’ sauber voneinander trennen können, weil das keine ‘Tatsachen’ sind, die man beobachten könnte, sondern Denk-(Werk-)Zeuge, mit deren Hilfe man etwas beobachten kann. Sie sind nicht Gegenstand von Forschung, sondern zählen zu ihren begrifflichen Voraussetzungen.
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Dann gibt es die sogenannte ‘transzendentale’ Freiheit; na ja, ob es sie ‘gibt’, ist auch nicht unstrittig. Der Gedanke stammt aus Kants ‘kopernikanischer Wende’ der Philosophie: Wir wissen von nichts anderem als dem, was… in unserm Wissen vorkommt. Das ist durchaus nicht trivial. Denn alle Philosophie vor ihm machte sich Gedanken über die Dinge, wie sie außerhalb unseres Wissens sein mögen. Aber davon können wir nunmal nichts wissen. Die Frage nach der Wahrheit oder Richtigkeit unseres Wissens müssen wir daher nicht an die Dinge stellen, sondern an unser Wissen selbst. Kants (drei) ‘Kritiken’ sollten eine philosophische Untersuchung darüber sein, wie unser Wissen zustande kommt.
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Seither kann theoretische (!) Philosophie nicht mehr anders betrieben werden.
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Was hat das mit Freiheit zu tun? Der Elementarakt des Wissens ist das Urteil. Dass Urteile möglich sind, setzt voraus, dass einer da ist, der zu urteilen befähigt ist. Das Wissen beginnt also beim Subjekt. Wenn das nicht frei wäre zu urteilen – nicht aus eignem Vermögen urteilen könnte -, gäbe es kein Wissen.
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Und drittens gibt es… nein: drittens kann man ‘praktische’ Philosophie betreiben. Die handelt nicht, wie die theoretische Philosophie, von dem, was ist, sondern von dem, was sein, d. h. was ich tun soll. Praktische Philosophie, Ethik, Moralphilosophie – das bedeutet dasselbe. Bei der steht am Anfang nicht die Frage, ob ‘es’ die Freiheit des Willens ‘gibt’, sondern die Prämisse (‚Postulat’), dass es ihn geben soll. Anders ist Moral ja gar nicht möglich.
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Genau das sagen auch Roth und Singer. Nur glauben sie, dass sie theoretisch “beobachten” können, ob ‘es’ einen freien Willen ‘gibt’, und wollen davon abhängig machen, ob es Moral geben kann.
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Praktisch ist es aber andersrum. Da ‘es’ Moral ‘gibt’, ist der freie Wille gar keine Frage, sondern die Voraussetzung. Und nur unter dieser Voraussetzung lässt sich die Frage, welche Moral als die richtige gelten soll, überhaupt erörtern.

von Jochen Ebmeier - veröffentlicht in: Philosophie - Community: Denk-Studio
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Mittwoch, 24. juni 2009 3 24 /06 /2009 19:25

Goethe und Schiller vor dem Weimarer Nationaltheater


Es gibt Themen, die wie ein Brennglas die Elementarfragen einer Zivilisation in einem Punkt zusammen fassen. Der gegenwärtige Streit um das Urherberrecht alias das geistige Eigentum ist ein solches.


Akut wurde es, als die Betreiber der werbefinanzierten Internet-Tauschbörse The Pirate Bay von einem schwedischen Gericht zu Haftstrafen und einer hohen Schadenersatzzahlung verurteilt wurden: Sie hatten Millionen Nutzern geholfen, urheberrechtlich geschütztes Material gratis aus dem Internet herunterzuladen; ohne freilich am Tauschgeschäft selber etwas zu verdienen. Der jüngste Erfolg der schwedischen Piratenpartei geht darauf zurück; bei der Europawahl Anfang des Monats erhielt sie 7,1% der Stimmen und entsendet einen Abgeordneten nach Straßburg.


Vor allem junge Männer haben die Piratenpartei gewählt. Ihr ältester Aktivist aber dürfte der 73-jährige Schriftsteller Lars Gustafsson sein. In einem Wahlaufruf verglich er die heutige Lage mit dem Kampf um die Druckfreiheit vor der Französischen Revolution. Damals hätten sich die neuen Ideen nur dank der neuen Technologie durchsetzen können. Zensur und Razzien hätten diese nicht gestoppt, sondern geradezu stimuliert. Für Schriftsteller, die etwas zu sagen hätten, sei die Zirkulation ihrer Ideen, selbst durch Raubkopien, wichtiger als das Urheberrecht. Dieses schütze einzig die Verfasser von trivialer Massenliteratur, die sich so «neue Herrensitze» zulegen könnten.


Trivialliteratur


Das ist wahr – dem Autor, der etwas zu sagen hat, ist mehr daran gelegen, ebendas zu tun, als am Geldverdienen. Genauso wahr ist aber auch, dass er, damit er es sagen kann, von irgendwas leben muss. Lebt er nicht von der Art und Weise, wie er es sagt – nämlich auf einem privat anzueignenden und folglich verkäuflichen Datenspeicher -, dann muss er von irgendwas anderm leben; und in der Zeit, die er dafür braucht, kann er nichts sagen – und nicht einmal überlegen, was er sagen soll. Es wird ihm auch, wenn’s ihm irgend ernst ist, mehr darauf ankommen, wie gut und wie hörbar er es sagen kann, als darauf, wie gut er dabei lebt. Aber dass er lebt, bleibt unabdingbar.


Die Frage nach dem Urherberrecht in Zeitalter des Internet ist daher sachlich verknüpft mit der Frage nach dem Tausch- und dem Gebrauchswert der Arbeit.

Da ergibt sich ein unerwarteter Zusammenhang mit der von Milton Friedmann, dem Schwarzen Mann des Neoliberalismus, in die Welt gesetzte Idee eines staatlich garantierten Grundeinkommens, gelegentlich auch als “Bürgergeld” apostrophiert. Zunächst stammte der Gedanke aus dem Wunsch nach einer Vereinfachung des Besteuzerungssystems, das, wenn es “gerecht” sein soll, je nach Höhe der Einkommen ungleich sein muss und tausend Ausnahmelagen berücksichtigen muss; dann aber unübersichtlich und überkompliziert ist und dabei einen gigantischen Verwaltungsaufwand verschlingt – was am Ende ungerecht ist gegen alle.


Am ‘effektivsten’ ist ein einheitlicher Steuersatz für alle. Aber indem er die Geringverdiener, die gerade eben das Lebensnotwendige im Portmonnaie haben, ebenso belastet wie die Eigentümer des großen Kapitals, ist er von allen der ungerechteste. Daher die Idee, dasjenige, was für eines jeden Lebensunterhalt das Unabdingbare ist, überhaupt nicht zu besteuern – und alles, was darüber liegt, mit ein und demselben Satz. Und von den gewaltigen Summen, die durch diese Vereinfachung eingespart würden, könnte in den entwickelten Industriesländern laut Berechnung der Weisen dieser Grundbetrag einem jeden Bürger ohne Prüfung der ‘Bedürftgkeit’ vom Staat ausgezahlt werden – auch wenn er sie nicht durch den Austausch seiner Produkte oder den Verkauf seiner Arbeitskraft ‘verdient’ hat!

arbeit


Ihre ersten energischen Fürsprecher außerhalb der Gruppe der Steuerexperten hat diese Idee bei den Sozialpolitikern gefunden – die damit das leidige Thema der Sozialhilfen, Arbeitslosenunterstüzungen, deren Undurchsichtigkeit und ihren angeblich wuchernden Missbrauch gleich mit erledigen wollten.


Dann meldeten sich die Zukunftsforscher zu Wort. Die galoppierende Digitalisierung und Kybernetisierung der Arbeitswelt macht die einfachen, lediglich ausführenden Tätigkeiten überflüssig – und macht alle die arbeitslos, die sonst nichts gelernt haben. Die Etablierung einer stabilen Gesellschaftsklasse – “ein Drittel”! – von gezwungenen Nichtstuern droht, die ihre freie Zeit mangels Geld nicht mal durch Konsum ausfüllen können. Ein Sprengsatz für die gute Gesellschaft…


Dabei ist der Vorschlag am Innovativsten nicht am unteren, sondern am oberen kulturellen Rand der Mediengesellschaft! Der Fall Pirate Bay macht es deutlich, man muss nur genau hinschauen. All die ‘Kreativen’ (ein blöder Ausdruck, aber es fällt mir momentan kein besserer ein), denen es zuerst darauf ankommt, der Welt das mitzuteilen, was sie ihr zu sagen haben, und nicht darauf, in Luxus zu leben… all die könnten genau das tun, ohne sich um ihren Lebensunterhalt sorgen und dabei ihre fruchtbarste Zeit verplempern zu müssen. Wenn sie, wie man ihnen ja wünschen darf, dabei auf gute Resonanz stoßen und einen mondänen Erfolg erzielen, mögen sie ja auf diese oder jene Weise hinzuverdienen, soviel die Marktlage hergibt; und denselben einheitlichen Steuersatz zahlen wie alle andern.


Bill & Tom Kaulitz; damals Devilish


Der Taxifahrer mit Dr. Phil. ist eine gängige deutsche Witzfigur. Vielleicht nicht ganz so repräsentativ, wie die Comedians glauben machen; aber sicher finden sich unter den akademisch Gebildeten einige Zehn-, womöglich Hunderttausende, die des blöden Gelderwerbs willen ihre Lebenszeit mit Tätigkeiten überdauern, die weit unterhalb ihrer gefühlten Möglichkeiten liegen. Und wenn sich davon nur jeder Zehnte nicht überschätzt – dann ist das immer noch eine Riesenmasse von Talent, das für den Fortgang der Kultur vergeudet ist!

Und dass zu Viele dann ‘nix arbeiten’, sondern nur ihren Phantasien nachjagen, braucht eine Gesellschaft, “in der Arbeit künftig Mangelware sein wird”, nicht zu fürchten; denn solange sie eben das tun, kommen sie wenigstens nicht auf dumme Gedanken…


*


Dass unter solchen Umständen von einer Klasse von Menschen, die ‘gezwungen sind, ihre Arbeitskraft an Andre zu verkaufen, weil ihnen die Arbeitsmittel fehlen, um selber Waren zu produzieren’, nicht mehr die Rede sein kann, ist abschließend noch zu erwähnen. Nicht nur, weil keiner mehr ‘gezwungen ist’; sondern auch, weil das wichtigste Arbeitsinstrument der Zukunft, der PC, längst zum “garantierten Minimum” zählt und noch im ärmsten Haushalt nicht weniger selbstverständlich ist als das Tiwie.


cyberspace

von Jochen Ebmeier - veröffentlicht in: Gesellschaftsgeschichte - Community: Denk-Studio
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