...eine kritische Bedeutungslehre

Eine kritische Bedeutungslehre
II. Teil
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Vl.
Während die tierischen Umwelten 'zustande kommen', indem das Tier seine eigenen Merkmale in die Umgebung hinausverlagert, kommt der Mensch zu Stande, indem er den offenen Welt-Charakter seiner Umgebung in sich 'hereinholt': in seine anatomische Organisation.

Der aufrechte Gang hat eine ganze Reihe morphologischer Auswirkungen. Er hat einerseits die Vergrößerung des Kopfes ermöglicht, wodurch Homo zum sapiens wurde. Andererseits hat er verhindert, daß der vergrößerte Kopf auf "normalem" Weg geboren und (also) normal ausgetragen werden konnte. Darum werden Menschenkinder 'zu früh' geboren. Eigentlich "müßte unsere Schwangerschaft etwa um ein Jahr länger sein als sie tatsächlich ist", sagt der Biologe Adolf Portmann[32] und spricht von einem extra-uterinen Embryonalstadium. Entsprechend hilflos kommt der Mensch 'zur Welt'. Und so bildet sich das höchstentwickelte Säugetier gewissermaßen 'zurück' zu einem sekundären Nesthocker. Dieser 'Rückschritt nach vorn' bestimmt fortan den ganzen Gattungscharakter.

Was nämlich bedeutet 'Ausbildung' in der Natur? Anpassung an die gattungsmäßig vorgegebene Umweltnische, Zurichtung für eine spezifische Funktion im ökologischen Geflecht. Natürliches Reifen ist nichts anderes als Spezialisierung: Sie ist "das Endziel organischer Entwicklung" und findet "bei allen Säugern außer dem Menschen" statt.[33] Seit er sein Naturgefüge verlassen hat und in die weite Welt ausgewandert ist, hat der Mensch aber kein biologisches Maß mehr, dem er entgegenreifen könnte. Sein Lebensraum ist wesentlich unbestimmt. Seine Reifung ist daher "Spezialisation auf Nicht-Spezialisiert sein"[34], seine Ausbildung ist eine Entspezialisierung, seine Reife ist Dysfunktionalität.

Was für das umweltgebundene Tier eine Minderung wäre, wurde für den Menschen zum Gewinn, denn Spezialisierung auf die eine Möglichkeit bedeutet den Verlust all der andern. Das spezialisierte Wesen ist festgestellt. "Für ein Tier ist durch seine umweltgebundene Organisation von vornherein darüber entschieden, ob und inwiefern ein Naturbestandteil dieses Wesen etwas angeht. Die weltoffene Anlage des Menschen schafft dagegen eine völlig andere Beziehung zu der umgebenden Natur. Uns kann jeder noch so unscheinbare Teilbestand der Umgebung bedeutend werden, jede beliebige Einzelheit vermögen wir durch unsere Beachtung aus dem indifferenten Feld der Wahrnehmung herauszulösen und hervorzuheben. Uns kann alles etwas angehen."[35]Verloren ging die Sicherheit, und gewonnen hat er eine Freiheit, durch die ihm die "Führung des Daseins eine nie endende Aufgabe"[36] ward. Mit andern Worten, der Mensch funktioniert nicht, weil er, nach Nietzsche, "das nicht festgestellte Tier" ist. "Bildsamkeit, als solche, ist der Charakter der Menschheit."[37]

Vll. Leben ist für die Naturwissenschaft Stoffwechsel und Fortpflanzung, einschließ-lich der neuronalen Prozesse, die sich kausal dazwischenschieben. Nur der Mensch kann sich damit nicht begnügen, weil er in keiner natürlichen Umwelt zu Hause ist, die ihm seine Bestimmung vorgegeben hätte, sondern in einer selbstbedeuteten Welt: schlecht und recht. Seine Existenz ist eo ipso prekär. Er kann nicht bloß "dasein", sondern muß sein Leben führen. Das ist offenbar ein Problem. Und nur, weil er es hat, sagt er "ich".

Wahr ist allerdings auch, daß sich das Symbolnetz, das ihm seine Welt bedeutet, im Lauf der letzten Jahrtausende an einer Stelle verheddert hat, nach der seither Alles sozusagen gravitiert - dem wirtschaftlichen Nutzen, einer Art Erhaltungswert höherer Ordnung.

Aber Wirtschaftsgesellschaft ist unser Gattungsleben nicht an und für sich. Nachdem sie ihren Urwald verlassen hatten, lebten die ersten Menschen - als Jäger und Sammler – 'mit der Natur in Einklang'. Sie behandelten die Naturdinge als ihresgleichen, als beseelt und mit Willen begabt. Die erste Welt, die frühesten Symbole waren animistisch. Sie trugen einen unübersehbar luxuriösen Zug: In den Höhlen von Lascaux und Altamira kann man es sehen.

Das Wanderleben war allerdings gefährlich; nicht zufällig, wie in der ökologischen Nische, sondern eo ipso. Bedeutend wurde Sicherung. Die einzige Sicherheit waren die Blutsbande. Das Totem prägt die ursprünglichen Symboliken. Bis weit in die Ackerbaugesellschaften beruhen die politischen Strukturen auf Verwandtschaftsbeziehungen. Das Blut und der Boden sind, konkurrierend, der Grund von Wert und Sinn: In den antiken Mythologien streiten sich Erd- und Himmelsgötter wie die Bauern- und Hirtenvölker in der Wirklichkeit. Doch am Ende beherrscht die Arbeit die alltäglichen Urteile, durch Handel und Geldverkehr rückt das Abstraktum 'Wert' an die Stelle anschaulicher Qualitäten.

Es begann damit, daß sich der Mensch in der offenen Welt, in die er jagend und sammelnd aufgebrochen war, festsetzte und dort sicherheitshalber eine neue, künstliche Umweltnische einrichtete. Das war die Erfindung des Ackerbaus vor vielleicht zwölftausend Jahren im Tal des Jordan, und die Erfindung der Arbeit. Seither hat auch der Mensch ein Gefüge, in dem er funktionieren, und ein Maß, dem er reifen und für das er sich ausbilden muß. Die vollendete, 'ausgebildete' Form der Arbeitsgesellschaft ist die Marktwirtschaft: Alles hat seinen Preis. Jetzt müssen die Arbeiten gegeneinander austauschbar, ihre Qualität muß meß- und vergleichbar sein. Die Nützlichkeit der einen Sache muß sich in der Nützlichkeit der andern Sache darstellen lassen. An die Stelle der Gebrauchswerte tritt der Tauschwert, der 'Wert' der Nationalökonomen: eine Art Nützlichkeit-an-sich.

Das ist die Logik der Arbeitsteilung: die Reduktion der Qualitäten auf komplex zusammengesetzte Quantitäten; das Absehen von der Stoff- und das Hervorkehren der Formseite; die Auflösung einer jeden Substanz in ihr Herstellungsverfahren; die Reduktion der Sache auf die Mache. Wir reden von "Tat"sachen, und wenn wir ihre qualitas meinen, sagen wir "Beschaffen"heit. Etwas "begreifen" heißt daher: es auf seine "Ursache" zurück führen. Darum gibt es 'Determination' und 'Naturgesetz'.

"Erst im Verlaufe der Arbeit an der Welt lernt der Mensch die zufällige Bilderwelt und ihre Gesetze kennen", Gegenstandserkenntnis und Begriffe entstehen ihm "erst indem diese Bilder ihm in der Wahrnehmung Symbole werden für die Angriffspunkte seines Handelns und seines Herrschens. In diesem Sinne ist die Arbeit in der Tat die wesentlichste Wurzel aller positiven Wissenschaft, aller Induktion, alles Experiments."[38] Und der Weisen seines Schlußfolgerns: Die Logik ist eine Ökonomie des Vorstellens; eine Art Arbeit-an-sich.

Vlll. Vielleicht kann sich auch das Tier etwas vorstellen? Aber es kann es jedenfalls nicht behalten, so daß etwas zu Diesem würde.

Der Mensch sprach zum Tier: Warum schaust du mich immer nur an und redest nicht zu mir von deinem Glück? Da machte das Tier den Mund auf und wollte sagen: Ich will ja mit dir reden! Aber immer, wenn ich den Mund aufmache, vergeß ich, was ich sagen wollte. - Da hatte es schon vergessen, was es sagen wollte, und machte den Mund wieder zu; so hat es Nietzsche überliefert.

Was nicht behalten wird, kann nicht mitgeteilt werden. Um es zu behalten, muß ich es feststellen. Das Behalten ist das Feststellen: der Akt des Bestimmens als Dieses. Die Besonderheit des Bewußtseins ist nicht, daß es Vorstellungen hat, sondern daß es sie bestimmen und daher mitteilen kann. Es ist Speicher und Operator zugleich.

Um die Vorstellung zu behalten, muß ich sie mit einem Merk-Mal versehen (digit). Sie selbst ist analog gespeichert. Aber ins Verzeichnis wird sie - der Name verrät es - digital eingetragen. Wenn ich das Zeichen anklicke, öffnet sich die analoge Datei - nein: das analoge Datum. Das bedeutet symbolisieren.

Bestimmen heißt: im 'Symbolnetz' die rechte Stelle anweisen. Bedeutungen - Vorstellungen, Anschauungen, Erlebnisse - können wir nicht mitteilen. Mitteilen können wir nur deren Symbole, die wir logisch miteinander zum Diskurs verknüpfen. Was die Symbole bedeuten, muß sich jeder Mitredende wieder selber vorstellen.[39] Daher stammt der Einfall, wir könnten nur in Symbolen - nur durch die Sprache - denken.[40] Das wirkliche (im eigentlichen Sinn positive) Denken ist aber nicht "diskursiv", es geschieht nicht in Symbolen, noch geschieht es logisch. Man braucht die Logik "überhaupt nicht zum Denken, sondern nur zur Prüfung des Denkens"[41] - um es mitteilen zu können. Das wirkliche Denken ereignet sich als eine Kaskade unfaßlicher Bilder.

lX. Die Grenzen meiner Sprache sind nicht die Grenzen meiner Welt. Die Welt, die wir einander mitteilen; über die wir uns verständigen, weil wir darin gemeinsame oder konfligierenden Zwecke verfolgen - ist allerdings begrenzt durch die Möglichkeiten unseres sprachlichen Ausdrucks. Aber das ist nicht die ganze Welt. "Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen."[42] Inwiefern sich aber die Welt des einen von der des Anderen durch deren jeweilige Sprachvermögen unterscheiden sollte, ist nicht einzusehen.

"Ich weiß, daß diese Welt ist. Daß etwas an ihr problematisch ist, was wir ihren Sinn nennen. Daß mein Wille die Welt durchdringt."[43] Die Grenzen unseres gemeinsamen Symbolsystems bedeuten die Grenzen unserer gemeinsamen Welt. Ihr 'Sinn' erscheint vorgegeben als der Inbegriff des Verweisungszusammenhangs. Er 'ist' sozusagen 'immer schon' mitgeteilt - sofern nämlich überhaupt etwas mitgeteilt wird; das Apriori, auf das 'man' sich immer schon verständigt hat, um einander überhaupt verstehen zu können.

Meine Welt hat andere Grenzen, denn in ihr können auch Bilder vorkommen, die 'nur sich selbst bedeuten' - und daher unbestimmt bleiben dürfen.[44] Wovon ich nicht sprechen kann, darüber muß ich nicht schweigen: Ich kann es zeigen. Denn Symbole, nämlich Bedeutungsträger für andere, können auch Bilder werden. Sie irrlichtern dann am Rande unserer Welt und illustrieren die Stelle, wo sie an meine Welt nicht mehr heranreicht: Liebe, Leidenschaft, Freiheit, Sinn, Schönheit, Grauen, Glück, Ehre und Anstand; übrigens auch Komik und Wissen. Kein verständiger Kopf würde sie bestimmen wollen. Aber gezeigt werden sie oft und gern - in den Bildern der Kunst. Nicht zuletzt darum ist die Welt, im Unterschied zu den geschlossenen Umwelten, offen: weil in meiner Welt Anderes vorkommen mag als in der der Andern - und ich es ihnen zeigen kann.

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, läßt sich auch bestimmen; näm-lich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen. Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden - weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen läßt. Was demonstriert werden kann, läßt sich erlernen. Was dagegen 'durch meine Freiheit möglich' wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muß es erfinden und mir einbilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‚Anschauung’ nach-zu-erfinden. Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muß man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie 'sind' nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist, nach Scheler, das Tier, das nein sagen kann; auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragenkönnen heißt ja oder nein sagen können. 'Die Welt' wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst. Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Daß ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer "Welt" zu konstruieren, liegt allein daran, daß ich in die Welt der Andern hineingeboren bin - als in einen "dunkel bewußten Horizont unbestimmter Wirklichkeit". Und daß ich vor diesem Horizont meine Welt konstruiere, liegt daran, dass es meine Sinne sind, die mir 'Daten gemeldet haben, und daß ich sie zu einander fügen muß. Daß ich meine Welt konstruieren muß, liegt an den Andern. Daß es diese Welt sein wird, liegt... an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, daß ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden!

"Ich" konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß.

X. Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Umwelt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt.

Unsere Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.
[46] Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unsere Welt par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leute zugänglich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder auf die seine. Weil meine Lebenszeit begrenzt ist,[47] kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzählung vorkommen.[48]

Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der, die, das Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unserer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufgehen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefenpsychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteilbare.[49] Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch Symbolisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbehauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt".[50]

Xl. Logisch ist das ("transzendentale") Subjekt die 'Ursache' der Bedeutungen. Das kann die Kritische Philosophie dem empirischen Ich theoretisch einsichtig machen. Dessen praktische Aufgabe, gleichzeitig in seiner und in unserer Welt sein Leben zu führen, wird dadurch nicht einfacher, im Gegenteil. Denn seinen eigenen Produktionen kann es danach nicht mehr vertrauen - dazu bräuchte es schon ein Anderes, das es 'sich-selbst' als seinen Grund 'voraus setzen' kann. Zur transzendentalen Synthesis gehört die Prämisse, "daß es Wahrheit gibt". Das ist ihre Bedingung. Ist schon die Synthesis Bedingung des Wissens und kann folglich im wirklichen Wissen selber nicht vorkommen, so erst recht nicht die Bedingung der Bedingung. In der Reflexion kann ich sie mir allerdings denken: als reine Form des 'Geltens-an-sich'.

Daß der menschliche Geist "notwendig etwas Absolutes außer sich setzen muß und dennoch von der andern Seite anerkennen muß, daß dasselbe für ihn da sei, ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erweitern, aus welchem er aber nicht heraustreten kann. Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will. Über diesen Zirkel hat man nun nicht Ursache, betreten zu sein. Verlangen, daß er gehoben werde, heißt verlangen, daß das menschliche Wissen völlig grundlos sei, daß es gar nichts schlechthin Gewisses geben, sondern daß alles menschliche Wissen nur bedingt sein, und daß kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, daß derjenige, aus dem er folgt, gelte. Mit einem Worte, es heißt behaupten, daß es nur vermittelte Wahrheit gebe - und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."[51] Das absolute Wodurch ist nicht gegeben, sondern denknotwendig, nicht Faktum, sondern Fiktum. Es "kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, daß ihm in der wirklichen Welt außer uns etwas entspräche. Ideen können unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kommen sie in unserm Bewußtsein vor."[52]

Unum, verum, bonum, pulchrum: Das Eine Absolute ist keine logische, es ist keine ethische, es ist eine ästhetische Idee. Es ist sogar die ästhetische Idee schlechthin. Was sollte denn, jenseits von seiner brauchbaren Richtigkeit, am Wahren besser sein als das Unwahre? Was sollte, jenseits von seinen gesellschaftlichen Vorteilen, am Guten besser sein als das Böse? Es ist genau das, was am Schönen schön ist: daß es ohne Interesse gefällt.

"Unter einer ästhetischen Idee verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, i.e. Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann".[53] Sobald uns Wolf Singer zur ästhetischen Idee des Absoluten, welche nicht gedacht und nicht gesagt werden kann, das neuronale Substrat 'bildgebend’ zeigen wird, reden wir weiter.

Bis dahin hat die Hirnforschung zur Kritischen Philosophie nichts beigetragen.

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32)Adolf Portmann, Zoologie und das neue Bild des Menschen, Hamburg, 21958, S. 49; S. 68ff.
33)Arnold Gehlen, Der Mensch, Wiesbaden 121978, S. 87
34)Konrad Lorenz, Das Wirkungsgefüge der Natur und das Schicksal des Menschen, Mchn. 1983, S. 237
35)Portmann, aaO, S. 65
36)Adolf Portmann, Entläßt die Natur den Menschen? Mchn. 1970, S. 209
37)J. G. Fichte, GA I.3, S. 379
38)Max Scheler, "Arbeit und Erkenntnis" in: Die Wissensformen und die Gesellschaft, Bern 1980, S. 362
39)Nehmen wir wiederum an, daß Bedeutungen neuronale Substrate "abbilden": dann müßte durch die Mitteilung eines (gegebenen) Symbols jedesmal dasselbe Substrat ‚determiniert’ werden. Das hieße, Bedeutung ist objektiv. Was ‚konstruktivistisch’ begonnen hat, schließt als platonische Ideenlehre.
40)zuerst bei Augustinus; J. G. Hamann hat ihn als Argument gegen die Transzendentalphilosophie ins moderne Denken wiedereingeführt.
41)Max Adler, "Die Dialektik bei Hegel" in: ders., Marxistische Probleme, Stgt. 1913, S. 27
42)Ludwig Wittgenstein, "Tractatus logico-philosophicus" [6.53] in: Werkausgabe, Bd. 1, Ffm. 1984, S. 83
43)Wittgenstein, "Tagebücher 1914-1916" [11. 5. 1916], in: Werkausgabe Bd. 1, S. 167. - Richtig ist jedenfalls, daß es ohne Sinn die Welt nicht ‚gibt’; und daß er ‚gewollt’ ist.
44)Husserls "Lebenswelt"-Begriff (in der Krisis-Schrift) vermengt beide, statt sie zu scheiden.
45)Husserl, "Ideen zu einer reinen Phänomenologie", in: Husserliana Bd. III/1, S. 57
46)Die Kunst ist in unserer Welt, muß aber nicht verstanden werden. Der andere Grenzfall ist das Internet.
47)Von meinem Verstand rede ich nicht.
48)Kann es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die Welt bedeutet? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen.
49)Eine bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche Initiation dazwischen.
50)Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Ffm. 1999, S. 295f.
51)Fichte, GA I.2, S. 412, 414; 133
52)ders, GA I.5, S. 75
53)Kant, AA Bd. 5, S. 314

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