Statt "transzendentaler" Hirnforschung...

Hat der Hirnforscher die Transzendentalphilosophie überholt?

Eine kritische Bedeutungslehre

I. Teil


Einen Akt der Freiheit begreifen wollen
ist absolut widersprechend. Eben wenn sie es
begreifen könnten, wäre es keine Freiheit.

J. G. Fichte
Die größte Kunst im Lehr- und Weltleben
besteht darin, ein Problem in ein Postulat
zu verwandeln, damit kommt man durch.
Goethe

Only those who attempt the absurd will achieve the impossible.
M. C. Escher

Die Spatzen brüllen es vom Dach: Die Hirnforschung hat uns eine Revolution beschert. Die Freiheit des Willens ist widerlegt, das Ich liegt bei den Akten. Ein neues Menschenbild? betitelt ihr Wortführer eins seiner Bücher.[1]

l. Lange sah es aus, als sei die Hirnforschung im Begriff, auf empirischen Wegen die Themen der transzendentalphilosophischen Erkenntniskritik für sich neu zu entdecken. Denn ‚empfangen’ würden von unserm Gehirn, so heißt es, immer nur einzelne Sinnesreize. Diese zu einer bedeutungsvollen Einheit zusammenzufassen, sei dessen eigene Leistung, die den Sinnesreizen gewissermaßen ‚vorausgeht’.

"Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung gegeben werden, die bloß sinnlich, i.e. nichts als Empfänglichkeit ist. Allein die Verbindung eines Mannigfaltigen überhaupt kann niemals durch Sinne in uns kommen, und kann also auch nicht in der reinen Form der sinnlichen Anschauung zugleich mit enthalten sein, denn sie ist ein Actus der Spontaneität der Vorstellungskraft", hieß es in der Kritik der reinen Vernunft.[2]

"Einzelne Neurone repräsentieren durch den Grad ihrer Aktivierung lediglich elementare Objektmerkmale, keine komplexe Merkmalskonstellationen", schreibt jetzt Wolf Singer.[3] "Jede Zelle interagiert mit etwa zwanzig bis dreißigtausend anderen.[4] Die Information über komplexe Objekte wird im Gehirn in jedem Fall arbeitsteilig durch sehr viele Neurone analysiert, von denen jedes durch seine Aktivierung jeweils nur einen relativ kleinen Teilaspekt der Objektbeschaffenheit kodiert. Diese jeweils für ein Merkmal zuständigen Neurone [sind] nicht etwa in einem eingegrenzten Hirnareal aufzufinden, sondern über ausgedehnte Hirnareale verteilt. Objekte [werden] nicht durch die Aktivität einzelner oder sehr weniger Neurone in der Hirnrinde repräsentiert, sondern durch ausgedehnte und über weite Bereiche verteilte Neuronenverbände - sogenannte Assemblies."[5]

Das bedeute, "daß die Verschaltungsarchitektur eine ganz wesentliche Determinante für Hirnfunktionen [ist]. Hier liegen die meisten Freiheitsgrade, da die Funktionen einzelner Nervenzellen recht stereotyp sind.[6] Die Spezifizität der Hirnfunktionen beruht ausschließlich auf der Architektur der Verbindungen zwischen Nervenzellen. Das Programm [des Gehirns] residiert praktisch in dieser Architektur der Verbindungen und in deren Gewichtung, die in den Grundzügen genetisch vorgegeben wird. Sie speichert gewissermaßen die während der phylogenetischen Entwicklung gewonnene Erfahrung über das Sosein der Welt.[7] Wir kommen mit erheblichem Vorwissen über die Welt in diese."[8]

Dieses Vorwissen über die Welt ist nicht positiv als ‚Information’ kodiert, sondern problematisch: "Vom nur teilweise vorgefertigten Gehirn wird also eine Vielzahl von Fragen an die Welt gestellt, deren Beantwortung zu Strukturänderungen führt. Das Gehirn interpretiert.[9] [Daraus folgt,] daß Wahrnehmung nicht als passive Abbildung von Wirklichkeit verstanden werden darf, sondern als das Ergebnis eines außerordentlich aktiven, konstruktivistischen Prozesses gesehen werden muß, bei dem das Gehirn die Initiative hat.[10] Das Gehirn ist nie ruhig, sondern generiert ständig hochkomplexe Erregungsmuster, auch wenn Außenreize fehlen.[11] [Es] bildet ständig Hypothesen darüber, wie die Welt sein sollte, und vergleicht die Signale von den Sinnesorganen mit diesen Hypothesen. Finden sich die Hypothesen bestätigt, erfolgt die Wahrnehmung nach sehr kurzen Verarbeitungszeiten. Treffen sie nicht zu, muß das Gehirn seine Hypothesen korrigieren, was die Reaktionszeiten verlängert."[12]

Der alte Streit zwischen Idealismus und Realismus wäre empirisch endgültig entschieden: 'Wahr'nehmen ist nicht aufnehmen, sondern ein "Verifizieren vorausgeträumter Hypothesen".[13] Die apriorische Synthesis, die die neuronalen Signale zu einer sinnvollen Wahrnehmung 'bedeuten', "ist ein Actus der Spontaneität der Vorstellungskraft", der "nicht durch Objekte gegeben, sondern nur vom Subjekte her verrichtet werden kann".[14]

Dennoch siegt bei Wolf Singer nicht Kant, sondern Spinoza: "Im Bezugssystem neurobiologischer Forschung gibt es keinen Raum für objektive Freiheit, weil die je nächste Handlung, der je nächste Zustand des Gehirns immer determiniert wäre durch das je unmittelbar Vorausgegangene."[15]Was ihm im Bezugssystem neurobiologischer Forschung offenbar niemand bestreitet und was außerhalb dieses Bezugssystems ihm zu bestreiten niemand nötig hat, will Wolf Singer aber innerhalb dieses Bezugssystems nicht belassen: "Die Annahme, wir seien voll verantwortlich für das, was wir tun, weil wir es ja auch hätten anders machen können, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar. Neuronale Prozesse sind deterministisch. Dieses Wissen muß Auswirkungen haben auf unser Rechtssystem, auf die Art, wie wir Kinder erziehen und wie wir mit Mitmenschen umgehen."[16]

ll. Wie kam es zu dieser Wendung? Anlaß war "das so genannte Bindungsproblem"[17]; der Umstand nämlich, daß die Forscher keine 'Stelle' finden können, an der die Synthesis vollzogen wird. Da sitzt kein Richter, der 'jetzt' sagt und 'es gilt'. "Die Ergebnisse der vielen, gleichzeitig ablaufenden Sinnesfunktionen werden parallel an die ebenfalls zahlreichen exekutiven Zentren weitergegeben, ohne daß vorher alle Informationen an einem Ort zusammengeführt würden. Wie dennoch ganzheitliche Wahrnehmung und wohl koordinierte Bewegungen zustandekommen, ist unklar. Es muß Metarepräsentationen für die Ergebnisse dieser Teilprozesse geben, doch diese können ebenfalls nur nichtlokale Gebilde sein, also wiederum einem distributiven Prinzip folgen. Wir vermuten, daß die Einbindung verteilter Neuronengruppen in diese Metarepräsentationen durch zeitliche Synchronisation neuronaler Antworten erfolgt."[18] Es sei "eine Illusion, daß wir im Gehirn ein Kommandozentrum haben, in dem das Ich residiert und wertet, entscheidet und befiehlt. Stattdessen müssen wir uns das Ich als einen räumlich verteilten, sich selbst organisierenden Zustand denken".[19]

Zur Frage nach dem Ich trägt das "so genannten Bindungsproblem" aber überhaupt nicht bei. Denn was würde sich ändern, wenn die Hirnforscher ein 'Zentrum' hätten lokalisieren können? Gar nichts. Wolf Singer würde sagen, daß die "Ursache für die je folgende Handlung der vorangehende Gesamtzustand" - nicht des Gehirns, sondern eben – 'des Zentrums' ist.[20] Ob es sich, empirisch betrachtet, um einen systemischen Prozeß oder um einen punktuellen Akt handelt, spielt für die Frage der Spontaneität der Synthesis überhaupt keine Rolle - sondern nur, ob er von einem Anderen 'determiniert' werden kann. Das hat Wolf Singer zwar bisher nicht behauptet, vor so viel Kehrtwendung scheut er zurück. Es läuft aber darauf hinaus, er hat es bloß noch nicht gemerkt. Denn was er wirklich sagen will, ist dies: daß eine bestimmte neuronale Verschaltung einen bestimmten Vorstellungsgehalt 'determiniert'. Auf etwaige 'neuronale Korrelate für Sinngehalte' angesprochen, erklärt er, "daß unterschiedlichen Gedanken verschiedene neuronale Aktivitätsmuster zugrunde liegen. Kein Gedanke ohne Substrat. Allem, was begrifflich trennbar ist, müssen unterschiedliche Gehirnzustände entsprechen."[21] Dies ist der einzige rationelle Sinn, den die Rede von 'Determination' in diesem Zusammenhang haben kann: daß die Bedeutungen "Abbilder" von Sachverhalten sind. Den Realismus, den er vorne ausgetrieben hat, holt er hinten wieder rein. Denn daß der Sachverhalt, der 'abgebildet' wird, (einstweilen noch) "innen" ist und nicht "außen", ist sekundär. Ausschlaggebend ist, daß der 'Umschlag' oder 'Übergang' vom (physiologischen) Fakt zu (logischem) Sinn ein stetiger ist: Denn bei Naturvorgängen "gibt es nirgends Sprünge".[22]

lll. Folglich bestreitet Wolf Singer dem Ich nicht allen Sinn. "Wir wissen aus der Psychopathologie, was passiert, wenn ein Konstrukt wie der freie Wille zusammenbricht."[23] Da wir ihn als wirklich erleben, muß ihm auch etwas zugrundeliegen: "Dennoch beruht unsere Vorstellung, frei zu sein, auf Vorgängen im Gehirn. Ich halte sie für eine kulturelle Konstruktion. Sie muß sich also irgendwann im Laufe unserer kulturellen Evolution ausgebildet haben."[24] Das wird man ihm nicht bestreiten wollen. Noch entschiedener könnte man ihm beipflichten, hätte er hinzugefügt: so wie unsere Vorstellungen von 'Determination', 'Kausalität', 'Stetigkeit' auch.* Mit Jürgen Habermas zu reden: "Die Leistungen des transzendentalen Subjekts haben ihre Basis in der Naturgeschichte der Menschengattung"[25] - denn diese Naturgeschichte ist, seit sie Menschen-Gattung ist, Kulturgeschichte.

Maturana ist nicht Kant, konstruktivistische Redensarten können die Transzendentalphilosophie nicht erübrigen. Bewähren muß sie sich allerdings selbst. Der naiv realistische Angriff des Hirnphysiologen, der sich selber nicht versteht, ist dazu die gegebene Herausforderung. Das immerhin ist sein Verdienst.

Es ist nicht wahr, daß es in der wirklichen Welt keine Sprünge gibt. Den bedeut-samsten 'Sprung' tragen wir alle in unserm Bewußtsein. Uns ist nämlich die Welt gewissermaßen "zweimal gegeben". Das einemal als unabsehbarer Strom von Erscheinungen, das andre Mal als ein Tableau von Bedeutungen. Diese Verdoppelung gehört zum Proprium humanum. Sobald wir reflektieren, fällt uns die Welt auseinander. Das ist die Spur, die der Hiatus unserer Gattungsgeschichte im Menschenhirn hinterlassen hat.

Auch das Tier lebt in Bedeutungen. 'Erscheinungen' nimmt es gar nicht 'wahr'. Aber die Bedeutungen "erscheinen" ihm; immer hier und jetzt: Sie bilden sich ihm nicht zum Tableau. Wie ist es zum Bruch zwischen dem Tableau (der transzendentalen Synthesis) und den Erscheinungen (dem Mannigfaltigen der Sinne) gekommen? Woher kam die Reflexion? Oder, wie Fichte fragt: wie ist die Vernunft in die Welt gekommen? "Aus nichts wird nichts!"[26]

Es ist ein Mißverständnis, daß die Transzendentalphilosophie mit dem Empirischen gar nichts zu tun hätte. Würde sie von etwas handeln, das nicht wirklich ist, wäre sie überflüssig. Würde sie allerdings von etwas Wirklichem handeln, von dem wir Erfahrung haben können; wenn also die Hirnphysiologen nicht nur die elektrochemischen Vorgänge im Gehirn beobachten, sondern auch darstellen könnten, was sie jeweils bedeuten -, wäre sie nicht bloß überflüssig, sondern widersinnig. Die Transzendentalphilosophie rekonstruiert ein Wirkliches, von dem wir keine Erfahrungen haben und das wir uns aus seinen Wirkungen erst erschließen müssen. Sie ist Wissen von etwas, das vor dem Wissen liegt: ist Spekulation, sie entwirft ein Bild; aber kein Abbild, sondern ein Sinnbild: ein "Schema".[27]

lV. In der Schule lernen wir, Vernunft sei das, was dem Menschen das ersetzen muß, was bei den Tieren die Instinkte sind. Die Rede vom "instinktentbundenen" Mängelwesen (Gehlen) beherrschte lange die philosophische Anthropologie. Allerdings wurde der Instinktbegriff von der Aufklärung erfunden, um zu erklären, was dem Tiere die Vernunft ersetzt. Sie ‚erklären’ einander gegenseitig - durch Verneinung.

Aber als die Biologen den Instinkt erforschen wollten, ging es ihnen wie mit der Vernunft: sie konnten nichts finden - keinen 'Sitz', aber auch kein 'Substrat'. Doch irgendwie 'verhalten' sich ja die Tiere zu den Dingen um sie herum! Die eine ('realistische') Erklärung kam von den Reflexologen Pawlow und Skinner. Die andere ('idealistische') gab der Bedeutungs-Begriff Jakob von Uexkülls.

Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden und zu ihrer Umwelt anverwandelt. "Nur die Umgebung eines Tieres liegt vor unseren Augen offen da. Wenn wir sie erforschen, entdecken wir in ihr die Reizquellen, die auf die Tiere einwirken. Die Umwelt ist aber völlig unsichtbar, denn sie besteht lediglich aus den Merkmalen der Tiere, die das Tier selbst hinausverlegt. Jede Umwelt ist das Erzeugnis eines Subjekts. Jede Umwelt bildet eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist - oder es wird völlig vernachlässigt."[28] Die Bedeutungen tierischer Umwelten haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind Funktionen der Erhaltung - der Individuen wie der Art. Was keinen Erhaltungswert hat, kommt in ihnen, wenn es auch ‚da’ ist, buchstäblich nicht vor.

Der Mensch hat vor Jahrmillionen seine biologische Nische verlassen und ist aus der ererbten Umwelt in eine fremde Welt aufgebrochen. Deren Bedeutungen waren nicht vererbt, er mußte sie selber heraus-, d. h. hineinfinden. "Nichts kann sein, was ihm nicht etwas zu bedeuten vermag."[29] Und die Bedeutung ist, seit er einmal dem Überfluß begegnet war, nicht mehr auf den Erhaltungswert beschränkt: Jedes kann ihm Vieles bedeuten, und er kann sich sogar selber fraglich werden.

Auch die Welt ist keine Sukzession von Erscheinungen. Auch sie ist ein Raum von Bedeutungen, die 'vor' den Erscheinungen 'da sind'. Das teilt sie mit den tierischen Umwelten, aus denen sie hervor gegangen ist. Der Unterschied: Dieses Ganze ist da, weil es gedacht wird. In der wirklichen Vorstellung kommt zwar immer nur dieses und das und jenes vor. Das widerfuhr auch unsern hominiden Vorfahren, als sie sich auf ihre Hinterbeine stellten und aus dem schützenden Urwald ins offene Feld ausbrachen: Dies und das war ihnen vertraut und bedeutete, was es schon immer bedeutet hatte. Anderes war ihnen in den Nischen nicht vorgekommen. Aber im offenen Feld kam Anderes vor; nicht als bedeutungslos, sondern als fraglich - weil nun das Ganze fraglich war. Das war eine ganz neue Bedeutung. Der Mensch ist der, der nach Bedeutungen fragen kann - weil er muß. Die Welt ist entstanden als Mangel. Als das, was nach dem Verlust der Umwelt fehlte. Ein Raum, in den ich fragend blicke.[30]

V. Diesen Mangel beheben ist das Ergebnis einer Vorstellungsarbeit. Im Anschluß an von Uexküll entwickelte Ernst Cassirer seinen Symbolbegriff. Entsprechend seiner anatomischen Struktur besitze jeder Organismus "ein bestimmtes Merknetz und ein bestimmtes Wirknetz. Das Merknetz, durch das eine Spezies äußere Reize aufnimmt, und das Wirknetz, durch das sie auf diese Reize reagiert, sind in allen Fällen eng miteinander verknüpft. Sie sind Glieder einer einzigen Kette", die Uexküll den Funktionskreis des Lebewesens nennt. "Der Funktionskreis ist beim Menschen nicht nur quantitativ erweitert. Er hat sich auch qualitativ gewandelt. Zwischen dem Merknetz und dem Wirknetz finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das wir als Symbolnetz oder Symbolsystem bezeichnen können. Diese eigentümliche Leistung verwandelt sein ganzes Dasein. Er lebt sozusagen in einer neuen Dimension der Wirklichkeit."[31]

Wenn alle Dinge "eine Bedeutung haben", ermöglicht und erfordert es diese ihre gemeinsame Qualität, sie als eine - artikulierte - Gesamtheit aufzufassen, indem die Bedeutung des Einen zur Bedeutung des Andern ins Verhältnis gesetzt wird; so daß idealiter die Bedeutung eines Jeden in den Bedeutungen aller Andern ihre Grenze findet. Die Welt ist dann die Totalität der Verweisungszusammenhänge. Logisch mag man das Verhältnis umkehren: Indem man die (gedachte) Totalität aller (möglichen) Verweisungen an den Anfang setzt und die tatsächlich stattfindenden Verweisungen und schließlich die je einzeln bestimmt-werdenden Bedeutungen daraus "hervorgehen" läßt. Doch wenn es auch so wäre, daß die Welt, einmal erfunden, gegeben ist wie es die tierischen Umwelten sind - so müßte sie sich ein jedes neu hinzukommendes Individuum doch jedesmal wieder neu aneignen. Und es könnte das mehr oder weniger tun. Wenn ihm das auch am vorgegebenen Material leichter fällt als den abertausenden Generationen vor ihm, die alles erst erfinden mußten - im Prinzip ist es doch "so gut, als ob" er mit dem Bedeuten der Dinge ganz von vorn anfinge. Und die 'erste', elementare Bedeutung ist die Scheidung von Ich und Nichtich. Indem ich ein Anderes "bedeute", bedeute ich ipso facto 'mich' als das Andere dieses - und jedes andern - Andern. Das Ich ist nur insofern etwas, sagt Fichte, als es mit der Welt in Wechselwirkung steht; logisch und reell. In einer natürlichen Umwelt kann es ein Ich nicht geben. Aber ohne Ich gibt es keine Welt.
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1)Wolf Singer, Ein neues Menschenbild?, Frankfurt a.M. 2003

2)Kant, B 129f., Akademie-Ausgabe Bd. 3, S. 107
3)Andreas Engel u. Wolf Singer, "Neuronale Grundlagen der Gestaltwahrnehmung" in: Spektrum der Wissenschaft, Dossier 4/1997, S. 67
4)Singer, "Früh übt sich... Zur Neurobiologie des Lernens" in: Mantel, G., (Hg.), Ungenutzte Potentiale, Mainz usw., 1997; S. 45
5)Engel u. a., "Neuronale Grundlagen..." ebd
6)Singer, "Früh übt sich..." ebd
7)ders., "Wahrnehmen ist das Verifizieren von vorausgeträumten Hypothesen" in: Ein neues Menschenbild?, Frankfurt a.M. 2003; S. 70
8)ders., "Das Bild im Kopf - ein Paradigmenwechsel" in: Ganten, D. (Hg.), Gene, Neurone, Qubits & Co., Stgt. u. Heidelberg 1999, S. 269
9)ders., "Wahrnehmen ist das Verifizieren..." aaO, S. 71
10)ders., "Vom Gehirn zum Bewußtsein", in: Der Beobachter im Kopf, Ffm, 2002, S. 72
11)ders., "Das Bild im Kopf - ein Paradigmenwechsel" aaO, S. 275
12)ders., "Vom Gehirn zum Bewusstsein" aaO
13)ders., in: Ein neues Menschenbild? S. 67
14)Kant ebd.
15)Wolf Singer, "Vom Gehirn zum Bewußtsein", aaO, S. 75
16)ders. "Wer deutet die Welt?" in: Ein neues Menschenbild? S. 20. - Wenn mich ein Rüpel belästigt, ist also nicht er schuld, sondern sein Gehirn? Wenn ich ihn dafür in den Steiß trete, dann spürt er meinen Fuß zwar am Steiß. Aber es ist sein Hirn, das ihn spürt. So bleibt alles wie gehabt: Der Schuldige kriegt, was er verdient.
17)ders., "Das falsche Rot der Rose" ebd, S. 57
18)ders., "Wir benötigen den neuronalen Kode" ebd, S. 42
19)ders., "Vom Bild zur Wahrnehmung", in: Ch. Maar, H. Burda (Hg.), Iconic Turn, Köln 2004, S. 75f.
20)ders., "Das Ende des freien Willens?" in: Ein neues Menschenbild? S. 32f. - Ein reelles Ich identifiziert sich dadurch, daß es eine Geschichte hat.
21)ders., "Wer deutet die Welt?" aaO, S. 15. (Was haben die Begriffe hier zu suchen?)
22)ebd, S. 26. - Wenn sich die ‚Übergänge’ mit Hilfe der modernen ‚bildgebenden’ Verfahren darstellen ließen, dann wären sie im Prinzip auch andern Arten der Bearbeitung zugänglich. Dann käme die ‚Determination’ von außen.
23)Wolf Singer, "Das Ende des freien Willens?" aaO, S. 31f.
24)ders.,"Wer deutet die Welt?" aaO, S. 13
25)Jürgen Habermas, Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’, Ffm. 1969, S. 161
26)J. G. Fichte, Gesamtausgabe Bd. I.8, S. 299
27)ders., Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 110ff.
28)Jakob v. Uexküll, Die Lebenslehre, Potsdam 1930, S. 130; "Bedeutungslehre" in: ders.,/G. Kriszat, Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen, Hamburg. 1983, S. 111ff.
29)H. G. Gadamer, Gesammelte Werke Bd. VIII, Tübingen 1993; S. 8
30)Angenommen, Singer hat recht und bestimmte Vorstellungsinhalte würden lediglich neuronale Prozesse "abbilden". Dann müßte es sich um ein analoges Bild handeln. Analoge Darstellungen können aber, anders als digitale, keinen Verneinungs-Modus wiedergeben, und den Frage-Modus schon gar nicht. ‚Ich’ kann aber fragen und nein sagen.
31)Ernst Cassirer, Versuch über den Menschen, Hamburg 1990, S. 48f.

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