Wolf Singer's Entsorgung des Ich ll
Sprünge
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Glücklicherweise kann dem nicht so sein. Wenn nämlich bestimmte Vorstellungsinhalte lediglich neuronale Prozesse “abbilden”, dann müsste es sich dabei um ein analoges Bild handeln. Analoge Darstellungen können aber, anders als digitale, keinen Verneinungs-Modus wiedergeben, und den Frage-Modus schon gar nicht. Ich (oder mein Gehirn, was ändert das?) kann aber fragen und nein sagen. Das ist das Proprium humanum: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann. Und bevor er nein gesagt hat, konnte er fragen, ob.
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Wenn Wolf Singer nun einwände: Es gibt im Gehirn eben einen Rechner, der analoge Bilder in digitale Symbole übersetzt, dann entgegne ich: Zeig mir die Stelle - genau da sitzt das Ich!
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Das ist der springende Punkt. Ein digit ist kein Substrat, sondern ein beliebiges, austauschbares und ganz heterogenes Zeichen für einen Sinngehalt, zu dem es in keinerlei sachlichem Verhältnis steht und der als solcher keiner Materialisierung und “Substernisierung” fähig ist. Das Logische “ist” in keiner Weise, sondern gilt. Darunter kann sich der Naturwissenschaftler nichts ‚vorstellen’. Als Naturwissenschaftler soll er das auch gar nicht. Es fällt nicht in sein Ressort. In seinem Bereich herrschen Kausalität, Determination und Stetigkeit: durch sie wird er konstituiert.
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Natura non fecit saltus - Wolf Singer beruft sich wörtlich auf die von Leibniz geprägte kanonische Formel für das stoisch-neuplatonische Dogma der Stetigkeit. “Das metaphysische Gesetz der Stetigkeit ist aber dies: Alle Veränderungen sind stetig oder fließen, d. i. entgegengesetzte Zustände folgen nur durch eine dazwischenliegende Reihe verschiedener Zustände
aufeinander”[29] - so hat es Kant formuliert und zum Ausgangspunkt der Kritik gemacht. Die Stetigkeit der Naturvorgänge setzte nämlich voraus die dinghafte Realität eines kontinuierlich-unendlichen Raumes und einer gleichförmig strömenden Zeit. Beide hat Kant aber ins transzendentale Apriori unseres Erkenntnisvermögens verwiesen! Doch in dem Manifest, das Wolf Singer gemeinsam mit zehn Kollegen im vergangenen Jahr erlassen hat, heißt es nun wieder: “Geist und Bewusstsein fügen sich also in das Naturgeschehen ein und übersteigen es nicht. Dies bedeutet, man wird widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen.”[30] Also weil sie auf Physiologie beruhen, müssen sie Physiologie sein - wo ist das Problem? Hen kai pân, Alles Eins! Wobei sie größte Schwierigkeiten haben werden, uns von dieser metaphysisch verstandenen Natur einen wissenschaftlich begründeten Begriff zu geben…
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Es ist wohl wahr: Betrachte ich die Evolution der menschlichen Physiologie von innen, so folgt immer ein Zustand auf den andern. Dass aber die Veränderungen der Zustände nur von innen ‚determiniert’ werden: dass ein Zustand aus dem andern folgt, ist damit noch lange nicht gesagt. Evolution ist Anpassung - an Bedingungen, die außen liegen. Kommt nun die Veränderung der Außenbedingung ihrerseits durch eine Initiative zu Stande, die von innen ausgeht, dann tritt eine Rückkoppelung ein - und die ist ein ‚Sprung’, der den Betrachter zu einem Perpektivwechsel, zu einem Hiatus nötigt.
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Die Rede ist vom Akt der Hominisation selbst, denn das war der Moment, wo das Ich ‚zur Welt gekommen’ ist.
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Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden. Die Nische kann der Naturforscher beobachten und beschreiben. Die Umwelt aber, die sie dem Tier ‚bedeutet’, muss er rekonstruierend erschließen: “Die Umwelt ist völlig unsichtbar, denn sie besteht lediglich aus den Merkmalen der Tiere, die das Tier selbst hinausverlegt. Jede Umwelt ist das Erzeugnis eines Subjekts”,[31] schreibt Jakob von Uexküll, der den biologischen Umwelt-Begriff geprägt hat. “Jede Umwelt bildet eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist - oder es wird völlig vernachlässigt.”[32] Das Verhältnis zwischen der Spezies und ihrer ökologischen Nische ist ein Naturverhältnis - und ein Naturverhältnis sind die Bedeutungen der Dinge, die darin vorkommen. Sie sind “selbstverständlich”.
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Der Mensch hat vor Jahrmillionen seine natürliche Umwelt verlassen, hat sich auf seine Hinterbeine gestellt und ist in eine offene Welt aufgebrochen.[33] Deren Bedeutungen waren nicht biologisch vererbt, sind kein Naturverhältnis, er musste sie selber verstehen, d. h. heraus-, richtiger: hineinfinden. Weil seine offene Welt unsicher ist, muss er fragen, was die Dinge bedeuten, die ihm begegnen; sich fragen. Und wer fragt, kann ja oder nein sagen. Das ist eine völlig neue Dimension des Daseins. Wenn das kein ‚Sprung’ ist, was ist es sonst? Unterm Miskroskop des Physiologen - oder seinen modernen, ‚bildgebenden’ Überformungen - ist er freilich nicht zu erkennen. Weil der Mensch nicht weiß, was die Dinge ihm bedeuten und was er unter ihnen soll - darum sagt er “ich”.[34]
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Zirkulär
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Jedweden Sinn bestreitet auch Wolf Singer dem Ich und seinem Willen nicht. “Wir wissen aus der Psychopathologie, was passiert, wenn ein Konstrukt wie der freie Wille zusammenbricht.”[35] Da wir ihn als wirklich erleben, muss ihm auch etwas zugrunde liegen: “Dennoch beruht unsere Vorstellung, frei zu sein, auf Vorgängen im Gehirn. Ich halte sie für eine kulturelle Konstruktion. Sie muss sich also irgendwann im Laufe unserer kulturellen Evolution ausgebildet haben.”[36] Dass es sich bei der (den repräsentativen Staat konstituierenden) Vorstellung vom souveränen Subjekt um ein Konstrukt handelt, wird ihm niemand bestreiten. Noch entschiedener könnte man ihm beipflichten, hätte er hinzugefügt: genau so wie meine Vorstellungen von ‚Determination’, ‚Kausalität’, ‚Stetigkeit’ auch. Das sind keine Größen, die seine Forschung zu Tage gefördert hat, sondern logische Prämissen, die seine Forschungsarbeit überhaupt erst ermöglicht haben.
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Von Konstrukten redet Wolf Singer oft und gern, wenn es um die Kategorien der andern geht. Von seinen eigenen Kategorien lässt er sich sowas von niemand sagen. Das ist das Problem mit Wolf Singer: Er redet ‚stetig’ in der Objekt-Sprache seines Fachs; aber allen andern Fächern gegenüber verwendet er sie, als wäre sie deren Meta-Sprache. Für sein Fach akzeptiert er dagegen keine Art von Meta-Sprache. Er ist wissenslogisch naiv, glaubt es aber nicht. Das ist das Verhängnis aller Empiriker.
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Unterschiede zwischen Wissenschaften will er gar nicht kennen,
sondern nur solche zwischen “Beschreibungssystemen”. Aber was unterscheiden die, und inwiefern? Sie beschreiben Etwas in Hinblick auf etwas Anderes. Dieses ‚in Hinblick auf’ ist eine Absicht, die ein Aufmerksamkeitsfeld konstituiert. Die Absicht - der ‚Hinblick’ - bildet den Ausgangspunkt, das Feld bildet den ‚Gegenstand’. Verschiedene Gegenstände kommen durch verschiedene Hinsichten ‚zu Stande’.
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Aber davon will Wolf Singer nichts wissen. “Kann Naturwissenschaftlern überhaupt zugetraut werden, sich auch zu diesen, eigentlich nur in der Erste-Person-Perspektive fassbaren Realitäten [er meint die Ich-Problematik] zu äußern? Die einen meinen, es sei möglich. Dies sind meist die Naturforscher, die für die Einheit der Wissenschaft [Stetigkeit!] plädieren. Die anderen - meist Kulturforscher - behaupten, hier würden Kategorie-Fehler gemacht, und das Vorhaben einer Einheitswissenschaft sei prinzipiell nicht realisierbar.”[37]
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Ist das bloß unzureichende Kenntnis der Wissenschaftsgeschichte, oder ist es raffiniert? Gute zweitausend Jahre lang hatte die Philosophie, mit dem Segen der Theologen, als erstgeborene unter allen Wissenschaften den Naturforschern Vorschriften gemacht (das Dogma der Stetigkeit zum Beispiel); so dass es vor Galileo zu einer Natur-Wissenschaft gar nicht kommen konnte. Bis sich schließlich die Philosophie - in Gestalt der Kant’schen Kritik - jede gesetzgebende Einmischung in die Angelegenheiten der Erfahrungswissenschaften versagte. Seither meinen ‚meist Kulturforscher’, es läge im Wesen der Wissenschaft, dass es eine Einheits-Wissenschaft nicht geben kann. Der Naturforscher, von kritischen Bedenken unaffiziert, zögert nicht, seine Gesetzgebung auf Gott und die Welt auszudehnen. Und lässt es so aussehen, als würden die ‚Kulturwissenschaftler’ vor ihm kneifen!
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Das ist nicht nur wissensgeschichtlich, sondern auch wissenslogisch ein hochinteressanter Punkt. Es waren nicht die Erfolge der empirischen Forschung, die die theoretische Spekulation in ihre Schranken gewiesen und Kant zu seinem Rückzug bewogen hätten. Galileo selbst hat das Experiment durchaus nicht als selbständige Erkenntnisquelle an die Stelle der Theorie gesetzt, sondern lediglich als Beweismittel gegenüber Zweiflern eingeführt. Und Newton ist allezeit von spekulativen Voraussetzungen ausgegangen, wie der Titel seines Hauptwerks - Principia mathematica philosophiae naturalis - bereits ankündigt. Der Anstoß zu Kants ‚kopernikanischer Wende’ ging vielmehr von der Selbstkritik des Empirismus aus! David Hume hat demonstriert, dass der konstitutive Grundsatz der Erfahrungswissenschaften - dass jedes Ereignis eine hinreichende Ursache habe und Erkenntnis darin bestünde, die Ereignisse auf ihre Ursachen zurückzuführen - selber nicht durch Erfahrung begründet ist; und allerdings auch nicht in der Vernunft. Er hielt ihn bloß für eine bequeme Gewohnheit der Menschen, die sich bewährt hat. Kant hat dagegen dargelegt, dass die Annahme der Kausalität die kategoriale (für das Denken notwendige) Voraussetzung ist, um Erfahrungen überhaupt machen zu können. Die Prämisse, dass ein jedes Ereignis seine hinreichende Ursache haben müsse, konstituiert das Gegenstandsfeld der Naturwissenschaft, indem es ihr den Blickpunkt liefert. Was außerhalb ihres Blickwinkels liegt, ist kein möglicher Gegenstand der Naturwissenschaft.
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Wolf Singer scheint hingegen zu sagen: Was nicht in ihren Blickwinkel fällt, das gibt es nicht. Wenn wir ihm sagen, dass sein Kausalitätsbegriff nicht aus der Erfahrung stammt, sondern absichtshalber der naturwissenschaftlichen Erfahrung zugrunde gelegt wird, dann antwortet er, dass wir zu solchen Aussagen nicht berechtigt sind - weil sie außerhalb der Kausaliätsbetrachtung liegen.
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Weiß er nicht, was ein logischer Zirkel ist?

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[im Februar 2005]
[1] Andreas Engel u. Wolf Singer, “Neuronale Grundlagen der Gestaltwahr-nehmung” in: Spektrum der Wissenschaft, Dossier 4/1997, S. 67
[2] Singer, “Früh übt sich… Zur Neurobiologie des Lernens” in: Mantel, G., (Hg.), Ungenutzte Potentiale, Mainz usw., 1997; S. 45
[3] Engel u. a., “Neuronale Grundlagen…” ebd
[4] Singer, “Früh übt sich…” ebd
[5] ders., “Wahrnehmen ist das Verifizieren von vorausgeträumten Hypothesen” in: Ein neues Menschenbild?, Frankfurt a.M. 2003; S. 70
[6] ders., “Das Bild im Kopf - ein Paradigmenwechsel” in: Ganten, D. (Hg.), Gene, Neurone, Qubits & Co., Stgt. u. Heidelberg 1999, S. 269
[7] ders., “Wahrnehmen ist das Verifizieren…” aaO, S. 71
[8] ders., “Vom Gehirn zum Bewusstsein”, in: Der Beobachter im Kopf, Ffm, 2002, S. 72
[9] ders., “Das Bild im Kopf…” aaO, S. 275
[10] ders., “Vom Gehirn zum Bewusstsein” aaO
[11] ders. in: Ein neues Menschenbild? S. 67
[12] Kant, KrV B 130
[13] Singer, “Das Bild im Kopf…”, aaO S. 274
[14] ders, “Wahrnehmen ist…” aaO S. 84
[15] ebd
[16] ebd S. 80
[17] ebd S. 84
[18] ebd
[19] Singer, “Vom Gehirn zum Bewusstsein”, aaO, S. 75
[20] ebd S. 75f.
[21] Singer, “Wir benötigen den neuronalen Kode” ebd, S. 42
[22] ders., “Vom Bild zur Wahrnehmung”, in: Ch. Maar, H. Burda (Hg.), Iconic Turn, Köln 2004, S. 75f.
[23] Singer, “Vom Gehirn zum Bewusstsein”, aaO, S. 75
[24] ders, “Das Ende des freien Willens?” in: aaO, S. 32f. - Ein reelles Ich identifiziert sich dadurch, dass es eine Geschichte hat.
[25] ders., “Wer deutet die Welt?” in: aaO, S. 15. - Was haben die Begriffe hier zu suchen? Welchen Grund gibt es - unter der Prämisse eines systemischen Prozesses -, jede Einzel-Vorstellung in einem jeweiligen ‚Zustand’ des Gesamt-Systems ‚Ding-fest’ zu machen? Das wirkliche Denken geschieht ja gar nicht in Begriffen, sondern in einer Kaskade unfasslicher Bilder. Begriffe treten erst in der Reflexion hinzu - und die ist eine Auseinandersetzung des Gesamtsystems mit sich selbst; ein Seitenwechsel, ein ‚Sprung’. Und nur so kommt auch die Vorstellung eines Ich ‚zu Stande’.
[26] ebd, S. 26
[27] In der Assoziationspsychologie des “Eleaten” J. Fr. Herbart wirken ‚Vorstellungsmassen’ tatächlich ‚ursächlich’ aufs individuelle Denken: “Vernunft heißt Vernehmen.” Natürlich verwarf auch Herbart den freien Willen und meinte, die Kant’sche Erkenntniskritik überwunden zu haben.
[28] “Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme” in: Robert Havemann, Dialektik ohne Dogma? Reinbek 1964, S. 27ff.
[29] I. Kant, Von der Form der Sinnes- und Verstandeswelt und ihren Gründen [Inauguraldissertation], Ed. Weischedel, Bd. V, S. 49
[30] “Das Manifest” in: Gehirn & Geist, Heft 6/2004, S. 33, 36
[31] Jakob v. Uexküll, Die Lebenslehre, Potsdam 1930, S. 130;
[32] ders., “Bedeutungslehre” in: ders.,/G. Kriszat, Streifzüge durch die Umwel-ten von Tieren und Menschen, Hamburg. 1983, S. 111ff.
[33] Ob dieses Ereignis vor 3 Mio. Jahren im Ostafrikanischen Graben oder schon 4 Mio. Jahre früher im Tschad stattgefunden hat, ist unerheblich.
[34] s. hierzu ausführlich: J. Ebmeier, “Das Ich und die Welt” in: Lettre interna-tional 68, Früjahr 2005
[35] Wolf Singer, “Das Ende des freien Willens?” aaO, S. 31f.
[36] ders., “Wer deutet die Welt?” aaO, S. 13
[37] Wolf Singer, “Das Ende des freien Willens?” in: Ein neues Menschenbild? Ffm. 2003, S. 27